Budapest: Roma-Strategie – Realitäten und Perspektiven

Konferenz an der Andrássy Universität
Von Melani Barlai
Sonntag, 27. November 2011
Roma-Strategie – Realitäten und Perspektiven

Zoltán Balog, der ungarische Staatssekretär für soziale Integration, und Rita Izsák, UN-Beauftragte für Minderheitenfragen, waren am vergangenen Mittwoch Gäste bei einer von der deutschsprachigen Andrássy Universität organisierten Konferenz in Budapest, welche die Roma-Strategie der Europäischen Union zum Thema hatte. Izsák stellte die Ziele der ungarischen Roma-Strategie vor. Diese soll zusammen mit den Roma-Strategien der 26 anderen EU-Staaten bis Ende des Jahres in Brüssel vorgelegt werden. So lautet die Zielvereinbarung der EU27, die als einer der größten Erfolge der ungarischen Ratspräsidentschaft betrachtet werden kann.

Image
Staatssekretär Zoltán Balog: „Von den rund 750.000 Roma in Ungarn leben etwa die Hälfte in tiefer Armut.”

Die nationalen Roma-Strategien gliedern sich in vier Bereiche auf: Bildung, Beschäftigung, Ge­sundheits­versorgung und Wohn­ver­hältnisse. Zentraler Aspekt dabei ist der Schutz und die Wahrung der Grundrechte. Auch die ungarische Strategie hat als eines ihrer wichtigsten Ziele die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Kampf gegen Diskriminierung formuliert. Weitere zentrale Punkte der Strategie sind die Verbesserung des Bildungsniveaus der Roma sowie die landesweite Erhöhung und Angleichung der Ausbildungs­qua­lität in den Schulen. Die Verbesse­rung der Wohnqualität und des Ge­sundheitszustandes sind ebenfalls feste Bestandteile des ungarischen Programms, so Izsák, die selber der Beás-Gruppe der Roma angehört.
Zwei zusätzliche Elemente in ungarischer Roma-Strategie

Zoltán Balog hob die ungarische Besonderheit der Roma-Strategie hervor, die zwei zusätzliche Elemente in das Roma-Programm aufgenommen hat: innere Sicherheit  und Kultur. Die zwei Extras setzen sich einerseits mit der Kriminalität und dem Men­schenhandel, andererseits mit der kulturellen Identität der Roma auseinander. Das ungarische Programm setzt auf territoriale Lösungen. Das heißt, dass Lö­sungsstrategien abhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand der Regionen angegangen werden. Dabei rücken die ländlichen Re­gio­nen im Nordosten und Osten des Landes in den Fokus des Stra­tegieplans.
Image
Rita Izsák (mi.) stellte bei der Konferenz an der Andrássy Universität die Ziele der ungarischen Roma-Strategie vor.

In Ungarn leben insgesamt rund 750.000 Roma

Balog präsentierte auch offizielle Daten zur Roma-Minderheit. Demnach leben in Ungarn heute rund 750 Ta­usend Roma – davon etwa die Hälf­­te in tiefer Armut. In Gesamt­ungarn gibt es ungefähr 1,2 Millio­nen Menschen, die ein Dasein in tiefer Armut fristen. Die Armut ist also nicht nur eine Roma-Frage, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, so Balog. Erschre­ckend ist allerdings das durchschnittliche Lebensalter der ungarischen Roma, das weit unter dem Landesdurchschnitt liegt. Roma sterben im Schnitt zehn Jahre früher als Angehörige der Mehrheitsgesell­schaft. Ihre Lage hat sich in den vergangenen 20 Jahren verschlimmert.
Beide Referenten betonten die Erfolge der Roma-Politik. Balog bezeichnete als wichtigsten Erfolg der nationalen Strategie Rita Izsák, die bei den UN die Roma erfolgreich vertritt. Balog unterstrich außerdem die Wichtigkeit eines weiteren Ausbaus der Minderhei­ten-Selbstverwaltungen. Heute gibt es rund 6000 Vertreter der Roma auf kommunaler Ebene. Die ambivalente Natur der Roma-Frage zeigt sich jedoch bei den Umset­zungs­problemen der Integrations­stra­tegie. Zurzeit herrsche ein „Ethnobusiness“ in Ungarn. „Wenn Geld aus Brüssel kommt, sind alle Roma da. Wenn die Polizei anklopft, sind sie alle weg“, so Balog. Izsák nannte als eines der Haupt­probleme die Schwierigkeit, die Ro­ma zu definieren: „Wer sind die Roma? Wie definiert man Roma?“ Sie sprach auch das Problem an, dass es in Hinblick auf die Roma bislang an zuverlässigen Daten gefehlt habe. Die Stärkung der Roma-Forschung sei deshalb eine dringende Notwendigkeit.
Während der EU-Ratspräsident­schaft „hat Ungarn die schmutzige Wäsche ohne vorhandenes Wasch­mittel ins Schaufenster gestellt“. Nun aber hat Ungarn eine nationale Roma-Strategie, in der Schwach­punkte klar aufgezeigt werden. „Die Aufgabe der Regierung ist es jetzt, in der ambivalenten Situation richtig zu handeln und die Roma bei der Umsetzung einzubeziehen“, betonte Balog.
Roma-Integration ist in Österreich eine Erfolgsgeschichte

An der Konferenz nahm auch Iovanca Gaspar teil, die in Österreich zu den ersten Roma gehört, die ein Diplom erworben haben. Sie referierte über Roma in Österreich, deren Integration im Ver­gleich zu den ungarischen Roma als Erfolgsgeschichte zu betrachten sei.  János Gyurok, Forscher am In­stitut für Romologie an der Universität Pécs, berichtete über seine Forschungsergebnisse, die er aus langjährigen Feldforschungen gewonnen hat sowie über die Ent­wicklung der Minderheiten­rechte in Ungarn. Im Rahmen der Po­diums­diskussion wurden Erfolge und Misserfolge der aktuellen ungarischen Roma-Politik sowie Maßnahmen zur Bekämpfung des Minderheitenproblems angesprochen. An der Diskussion nahmen Wissenschaftler, Leiterinnen der Burratino Grund- und Fach­mittelschule und der Burratino Kin­dertagesstätte sowie Politiker aus Kõbánya teil.  Der Vorsitzende der Selbstverwaltung der Roma-Min­derheit in Kõbánya, István Fehér, machte klar, dass das Roma-Problem in erster Linie die Roma selbst lösen müssten. In Hinblick auf die Integrationsdebatte forderte er Verständnis dafür ein, dass eine Integration nur schrittweise und langfristig erreicht werden könne. „Wir können nicht vom Erdg­eschoss gleich in die 10. Etage hochklettern“, so Fehér.
Bildung als Mittel zur Bekämpfung des Roma-Integrationsproblems

Die Teilnehmer waren darin einer Meinung, dass Bildung das optimale Mittel zur Bekämpfung des ungarischen Roma-Integrationspro­blems sei und dass die Roma-Stra­tegie eine einmalige Chance für die Roma in Europa biete.

Die Konferenz endete mit Vor­trägen von jungen Nachwuchs­wis­senschaftlern der Andrássy Univer­sität.

POST A COMMENT

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*

Roma Events

Email Alerts

Sign-up to receive the latest buzz.

Feeds

Get updated regularly via our RSS Feeds