Sinti: „Nichts war mehr wie zuvor“

derWesten

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Geschichte

„Nichts war mehr wie zuvor“

04.11.2011
„Nichts war mehr wie zuvor“
Die Familie LaubingerFoto:
Nichts hören – nichts sehen – nichts sagen… „Das Blödeste ist, wenn ich von der damaligen Generation höre, „das habe ich nicht gewusst“ – denn sie haben…“. Das sagt Hans Berg. Die Bergs, eine jüdische Familie aus Halver: Vater Hermann überlebte das Konzentrationslager, die Mutter verhungerte in einem KZ, die Schwester Helene wurde von der SS vergast. Hans Berg, Spinetta Weimer und andere Opfer sprechen über die Nazizeit in Halver. Augenzeugen öffnen Augen. Der Halveraner Journalist Matthias Clever hat ihre Aussagen aufgeschrieben. In seinem Buch „Vergessene Schicksale“ erinnert er an das NS-Regime in Halver. Der Band ist ab heute im Handel, kostet 12,95 Euro und wird im Kö-Shop verkauft.

Nette und gesellige

Nachbarn

„Durch gezielte Massentötung in den Vernichtungslagern sollte das Volk ausgerottet werden“. Matthias Clever lenkt den Blick auf die Sinti und Roma. „Die Laubingers waren nette und gesellige Nachbarn“, erinnert sich Harald Brede und für Friedhelm Scharwächter aus der Freien Evangelischen Gemeinde waren sie „eine ordentliche und feine Familie“. Und dann spricht Spinetta Weimer, geborene Laubinger. „Für meine Mutter war es wichtig, dass wir deutsch erzogen wurden. So wusste ich bis zu unserer Deportation gar nicht, dass ich „zigeunerischer“ Abstammung bin… Die anderen Kinder haben es gar nicht gemerkt, dass wir nicht „deutsch“ waren und so haben wir das auch nicht gemerkt. Bis zur Deportation.“ Nachbar Harald Brede wartete morgens vergeblich vor dem Haus auf Spinetta und Valentin: „Ein Nachbar kam vorbei und sagte: ‘Die haben sie abgeholt! Husch und weg waren sie alle.’“

Im Bollerwagen in

die alte Heimat

Unvorstellbares Grauen im Lager. „Diesen Gesichtsausdruck vergesse ich nie, diese Entschlossenheit, diese Leidenschaft fürs Töten. Obwohl die Kinder in der Grube noch nicht alle tot waren, wurden sie entweder mit einer Flüssigkeit überschüttet und angezündet oder einfach unter der Erde begraben…Häufig habe ich mir vorgestellt, woanders, wieder zuhause zu sein. – Doch spätestens durch den Antrittsbefehl wusste ich wieder, wo ich war: In der Hölle Auschwitz.“
Spinetta hat sie überlebt. Margret, eine Klassenkameradin: „Ich erschrak. Das Konzentrationslager hatte deutliche Spuren hinterlassen. Ihre langen schwarzen Haare waren kurz geschnitten. Sie war dünn und nicht mehr so lebenslustig. Sie weinte und sagte, ihre Geschwister seien alle ermordet worden.“
Spinetta und ihre Mutter Magdalena hatten sich durchschlagen können. In einem Bollerwagen hatte Magdalena ihre Tochter bis nach Halver gezogen. „Früher hatten wir in unserem Haus in Halver Öfen, die im Herbst und Winter mit Holz und Kohle befeuert wurden. Gerne schaute ich zu, wie die Flammen loderten. Das Feuer erwärmte unsere Wangen und unsere Herzen. – Nach Auschwitz muss ich aber immer an brennende Körper denken. Holz und Kohle wurden dort verwendet, um die Leichen zu beseitigen. Aus den Kaminen strömte der Geruch von brennendem Holz ins Lager. Nach kurzer Zeit mischte sich unter diesen Geruch der Geruch des Todes. Man konnte ihn riechen…“
Das Zuhause war kein Zuhause mehr. Die Laubingers hielten es dort nicht mehr aus. „In Halver war nichts mehr, wie es zuvor war. Alles erinnerte meine Mama an meine Geschwister. Nachdem mein Vater von der Front wiederkam, zogen wir im August 1945 nach Wiesbaden.“ Ja, Spinetta hat überlebt. Die Vergangenheit aber quäle sie immer noch, sagt sie. „Die Dinge, die ich erlebt habe, schmerzen mich so sehr, dass ich manchmal denke, ich schaffe das nicht mehr. Ich lebe, aber meine Mama ist jung gestorben. Zu groß war die Trauer über den Verlust vier ihrer Kinder. Sie verhungerten vor ihren Augen und sie konnte ihre eigenen Kinder nicht davor schützen.“

Elke Teipel

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